Take my Help #5: Luca, 18 aus Augsburg

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Ich glaube, ich fange erstmal mit einer älteren Geschichte an. Ich wurde von der 1. Klasse an 8 Jahre am Stück stark gemobbt, da ich einen angeborenen Gendefekt besitze, der mein Immunsystem schwächt. Dadurch bin ich deutlich häufiger krank. Ich musste dadurch die 5. und 6. Klasse wiederholen. Ab dem zweiten Durchlauf der 6. Klasse, auf dem Gymnasium, habe ich dann Hilfe bei einer Psychologin aufgesucht. Sie hat mir sehr geholfen und mein gebrochenes Selbstbewusstsein wieder gestärkt. Zur 7. Klasse habe ich auf eine Realschule gewechselt. Ich war 2 Jahre lang in Behandlung bei ihr, weil ich unter starken Depressionen litt.
Diese Zeit steckt immer noch tief in meinem Verhalten. Ich habe daraus sehr viel gelernt. Vor allem über mein Verhalten gegenüber anderen und „Minderheiten“. Seitdem verteidige und helfe ich jedem, der diese benötigt. Leider habe ich aber auch starke Vertrauensprobleme. Ich vertraue nur noch genau 3 Personen alles an. Meine Eltern vertraue ich auch, aber dazu erzähle ich später mehr. #

Dieses Jahr gab es aber leider einen Schlag nach dem anderen. Ich hatte immer einen Rückzugsort, der mir immer Kraft gegeben hat. Unser Zuhause und unsere Tiere. Ich möchte nicht zu genau werden, was alles passiert ist, da ich schon auf der Suche nach einem neuen Psychologen bin. Ich sage zumindest soviel, dass ich einen sehr starken Vertrauensbruch gegenüber meinen Eltern hatte, durch sehr schlechte Entscheidungen von meinem Vater.
Ich fresse seit März sehr viel in mich herein und ich bin mittlerweile an dem Punkt angelangt, dass ich mehrere Zusammenbrüche hatte. Der letzte Zusammenbruch war vor ein paar Wochen und dieser hat mir gezeigt, dass ich so nicht weiter machen kann und auch nicht weitermachen möchte. Die Zusammenbrüche sind durch ein Trauma entstanden.
Jedes mal, wenn ich jemanden sehr laut schnauzend (schimpfend, meckernd) höre, fühle ich nur noch Angst, Frust und Wut. Ich habe mittlerweile sogar Angst in der Umgebung von ihm sein, der mir dieses Trauma verpasst hatte. Er war immer für mich da, egal was passiert ist, und dieses Vertrauen hatte er so gut wie zerstört. So langsam bessert es sich wieder, aber durch die sehr starken Depressionen von ihm, bessert sich das wirklich nur zäh.

Ich habe darüber schon mit 2 sehr guten Freunden geredet und der eine unterstützt mich, so gut es geht. Ich sehe eigentlich nur noch eine Lösung: Abhauen und alleine Leben. Das ist aber für mich eigentlich keine gute Lösung, sondern nur Flucht. Ich möchte nicht mehr, wie früher, wegrennen, sondern kämpfen!
Ein positiver Punkt ist, dass wir im Juni/Juli umziehen und er hoffentlich dann zur Ruhe kommt und alles wieder besser wird, wie es früher der Fall war. Bis es aber der Fall ist, weiß ich leider nicht wirklich, wie ich damit umgehen soll.

Ich denke leider sehr viel über mich und die Zukunft nach. Dabei habe ich auch meine Sexualität herausgefunden. Ich bin Bi und habe mittlerweile seit fast 2 Monaten einen Freund, der aber leider bei Hamburg wohnt. Er gibt mir unglaublich viel Kraft und ich liebe ihn dafür jeden Tag mehr. Ich habe mich vor 2 Wochen bei meiner Mutter geoutet und sie hatte es zwar anfangs nicht ganz so gut aufgefasst, aber mittlerweile ist sie ganz glücklich darüber, dass ich ihn an meiner Seite habe.
Bei meinem Vater ist es wieder eine ganz andere Sache. Er ist zum überwiegend homophob eingestellt. Er akzeptiert zwar Schwule etc., möchte sie aber nicht in seiner näheren Umgebung haben. Und ein anderes Zitat von ihm, was ich über meine Mutter herausbekommen habe: „Meine größte Angst ist, wenn mein Sohn schwul wäre oder Ähnliches. Dann wüsste ich nicht, wie ich damit umgehen könnte und ob ich das akzeptieren könnte“.

Ich habe mittlerweile einen Entschluss gefasst, dass ich mich nach dem Umzug komplett outen werde, damit ich nicht weiter hinter einer Lüge leben muss. Meine Mutter steht hinter mir und ich hoffe, dass mein Vater es früher oder später auch akzeptiert.
Er wurde früher als Kind sexuell missbraucht von einem Mann und kann seitdem nichts mit Homosexuellen anfangen. Leider hatte sich sein Verhalten früher auf mich übertragen. wofür ich mich bis heute schäme. Meine ganze Hoffnung besteht auf den Umzug und die darauffolgende Zukunft. Falls sich aber danach nichts bessert, dann werde ich mit hoher Wahrscheinlichkeit ausziehen und evtl. mit meinem Freund zusammenziehen. Ich möchte frei und offen leben. Nie wieder hinter einer Lüge, die ich seit 2 Jahren aufrecht erhalte.
Man kann wirklich sagen, dass ich große Angst vor den Konsequenzen habe, da ich nicht allein stehen möchte. Ich weiß, dass ich nicht allein bin, aber durch die Mobbingphase als Kind habe ich große Angst vor dem Alleinsein.

Das Positive an der Zeit ist aber, dass ich die Leidenschaft entwickelt habe, anderen zu helfen. Komme was wolle. Mein einziger Wunsch ist mittlerweile, dass die Zukunft wieder besser wird und ich glücklich sein kann, mit meinem Freund zusammen. Ich muss nur noch einen Weg finden das Ganze durchzustehen, bis es so weit ist.

Man kann wirklich sagen, dass das in Richtung „auskotzen“ ging. Ich danke dir jetzt einfach schon mega, wenn du dir das durchgelesen hast. Ich kann einfach sagen, dass deine Aktion unglaublich Klasse ist und ich sehr unterstütze! Der 1. Beitrag, der zufälligerweise auch aus Augsburg kommt, hatte mich sehr bewegt, da es mir sehr ähnlich geht.

Danke nochmals und ich wünsche dir einen sehr schönen Abend!

MFG Luca

Email von Luca, 18 aus Augsburg

Bevor ich zu dem Welpenbrief komme, wünsche ich erstmal allen Welpen und Lesern meines Blogs, Streams oder was auch immer, schöne Feiertage und einen wuffeligen Rutsch ins neue Jahr. Warum? Weil ich es kann.

Hallo Luca,

als ich deine Mail bekam, dachte ich erst einmal „Was zur Hölle ist das für ein Roman?“. Ich hab dich ja sogar angeschrieben, ob ich das wirklich veröffentlichen soll. Ist ja doch recht harter Tobak, den du da verfasst hast. Dann habe ich überlegt, es in zwei Blogs aufzuteilen. Aber ich erledige Dinge doch lieber komplett. Pfoten geschüttelt und los geht es.

Ich entdecke ein paar Parallelen zwischen uns beiden. Insbesondere die Mobbing Thematik habe ich mir, wenn sie auch nur recht kurz war, mehrfach durchgelesen. Und bei deinem gesamten Text war ich froh, dass du geschrieben hast, dass du bereits auf der Suche nach einen neuen Psychologen bist. Sonst hätte ich dir empfohlen, einen aufzusuchen.
Allgemein liest sich dein Text, wie du auch geschrieben hast, wie ein Auskotzen. Ein paar Ratschläge möchte ich dir dennoch versuchen zu geben.

Zu allererst würde ich irgendwie versuchen deinen Vater ebenfalls für eine Therapie zu gewinnen. Seinen Abneigung gegen Homosexuelle, speziell Schwule, ist für mich zwar durchaus nachvollziehbar, jedoch denke ich auch, dass das nicht so bleiben muss. Denn nicht alle Schwulen sind so. Aber das ist dir garantiert bewusst. Ich würde es dennoch versuchen. Letztendlich kann ihm das nur helfen.

Dass du jedem helfen möchtest, insbesondere Minderheiten ehrt dich. Allerdings solltest du sehr darauf achten, dass du dabei nicht deine eigenen Probleme in den Hintergrund stellst und / oder die Probleme der Anderen zu deinen eigenen Problemen machst. Dies passiert in so einem Fall sehr häufig.
Zudem stellt sich mir doch die Frage, ob du das aktuell zu deiner Aufgabe machen solltest. Wie du selbst geschrieben hast, fällt es dir schwer, Vertrauen zu fassen. Die Frage ist jedoch, ob du dir selbst genug vertraust und auch zu hundert Prozent hinder deinen eigenen Ratschlägen oder Hilfsangeboten stehst.

Da du dich gegenüber deiner Familie sehr bedeckt hältst, kann ich dir dazu nur schwer einen vernünftigen Rat geben. Generell bin ich auch hier ein Fan von Offenheit. Reden, versuchen zu verstehen und auch Verständnis an sich ist wichtig. Und wenn das nicht mehr funktioniert, ist es immer besser anzufangen seinen eigenen Weg zu gehen. Auch wenn das bedeutet, dass du anfängst, dein eigenes Leben zu leben. Mit eigener Wohnung und Eigenverantwortung.
Der Umzug, der bei euch ansteht, kann natürlich auch für frischen Wind sorgen. Manchmal auch für mehr Offenheit und neue Perspektiven. Versuche das zu nutzen, sei aber auch nicht zu forsch. In der Ruhe liegt die Kraft. Hab ich mal gehört.

Ich weiß, dass es schwerfällt loszulassen. Aber genau das rate ich dir bei der „rumschnauz-Thematik“. Jeder hat mal schlechte Laune. Sogar ich sitze manchmal hier und keife herum, weil mir etwas nicht passt. Dabei bist du vielleicht gar nicht gemeint? Es ist nicht gut, dies auf sich zu beziehen, emotionale Ausbrüche zu bekommen und eventuell vielleicht doch auszurasten.
Und unbewusst wird nicht jeder darauf Rücksicht nehmen können. Ich hoffe, dass ist dir bewusst. Dies solltest du bei dem nächsten Psychologen unbedingt aufarbeiten lassen.

Dass du früher eventuell wie dein Vater warst, spielt heute keine Rolle. Du lebst im Jetzt. Nicht im Früher. Außer natürlich für die Personen, die etwaig zu schaden gekommen sind. Vielleicht nutzt du dein neues Denken, um dich bei ihnen zu entschuldigen?! Ein Brief, eine E-Mail, oder was auch immer, hilft schon sehr.

Ich denke, ich habe an dieser Stelle genug gelabert. Was die Zukunft bringt hängt davon ab, wie du sie bastelst.

Dein Gerry


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Deutsch: welpen ät gerry-maynor.de
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Hinweis: Ich bin kein ausgebildeter Psychologe oder Arzt. Bitte sucht einen Arzt auf, sollte es sich um körperliche oder psychologische Beschwerden handeln.

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1 Kommentar zu „Take my Help #5: Luca, 18 aus Augsburg“

  1. Wow. Ich muss wirklich sagen, dass dein Beitrag doch etwas in mir bewegt hat. Mir fällt wirklich manchmal schwer mit der Familie über doch tiefgründige Themen zu reden, aber ich versuche wirklich, vor allem im neuen Jahr, genauso offen zu meiner Familie zu sein, wie ich zu meinen Freunden bin. Ich habe vor ein paar Tagen mit meinem Vater wegen den Wutausbrüchen geredet und es liegt scheinbar (mit Rücksprache von ein paar Ärtzen) mit an seinem Bandscheibenvorfall und an deinen Depressionen. Er ist auch schon seit 3 Jahren bei einer Psychologin und versucht sich zu bessern. Es tut ihm auch wahnsinnig leid.
    Den Leuten, denen ich geschadet habe, habe ich schon mehrfach persönlich getroffen und mir mehr als nur entschuldigt. Mit einem verstehe ich mich auch wieder gut.
    Ich werde mehr an mir arbeiten! Ich danke dir auf jeden Fall sehr dafür und das vor allem noch zu Weihnachten! Wirklich danke dir Gerry.
    P.S. Sorry, dass ich so viel geschrieben habe, aber um die Zusammenhänge besser verstehen zu können hatte ich mehr geschrieben. <.<

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